
(Es handelt sich um die Eingangsstrophen eines längeren Gedichts von Nekrassov, die zu einer Art Volkslied wurden)
Bei Kudejar handelt es sich um eine ca. im XVI Jahrhundert in der russischen Folklore aufgetauchte sagenhafte Räubergestalt (näheres – in Russisch – siehe etwa http://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%9A%D1%83%D0%B4%D0%B5%D1%8F%D1%80)
Wortwörtliche Übersetzung und Kommentare: Raymond Zoller rzoller@klamurke.com
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Господу Богу помолимся, |
Dem Herrn dem Gott beten wir, |
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Древнюю быль возвестим. |
Eine alte Legende verkünden wir. |
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Так в Соловках[1] нам рассказывал, |
So erzählte uns auf den Solowjezki-Inseln |
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Инок честной Питирим. |
Der ehrsame Mönch Pitirim |
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Жило[2] двенадцать разбойников, |
Es lebten 12 Räuber, |
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Жил атаман Кудеяр. |
Es lebte der Anführer Kudejar. |
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Много разбойники пролили |
Viel die Räuber hatten vergossen |
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Крови честных христиан. |
Blut von ehrsamen Christen. |
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Много богатства награбили, |
Viel Reichtum hatten sie zusammengeraubt, |
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Жили в дремучем лесу; |
Lebten im tiefen Wald; |
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Вождь Кудеяр из-под[3] Киева |
Der Hauptmann Kudejar aus der Umgebung von Kiev |
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Выкрал девицу-красу. |
Hatte geraubt ein schönes Mädchen. |
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Днём с полюбовницей тешился, |
Tagsüber mit seiner Geliebten er vergnügte sich |
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Ночью набеги творил. |
Nachts verübte er Überfälle |
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Вдруг у разбойника лютого |
Plötzlich bei dem wilden Räuber |
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Совесть Господь пробудил. |
Gott erweckte das Gewissen. |
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Бросил[4] своих он товарищей, |
Er verließ seine Genossen, |
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Бросил набеги творить. |
Hörte auf Überfälle zu verüben |
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Сам Кудеяр в монастырь пошёл |
Kudejar selbst ging ins Kloster |
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Богу и людям служить. |
Gott und den Menschen zu dienen. |
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Господу Богу помолимся, |
Dem Herrn dem Gott beten wir, |
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Древнюю быль возвестим. |
Eine alte Legende verkünden wir. |
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Так в Соловках нам рассказывал, |
So erzählte uns auf den Solowjezki-Inseln |
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Сам Кудеяр - Питирим[5]. |
Selbst Kudejar - Pitirim |
Легенда о двенадцати разбойниках
Господу Богу помолимся,
Древнюю быль возвестим.
Так в Соловках нам рассказывал,
Инок честной Питирим.
Жило двенадцать разбойников,
Жил атаман Кудеяр.
Много разбойники пролили
Крови честных христиан.
Много богатства награбили,
Жили в дремучем лесу;
Вождь Кудеяр из-под Киева
Выкрал девицу-красу.
Днём с полюбовницей тешился,
Ночью набеги творил.
Вдруг у разбойника лютого
Совесть Господь пробудил.
Бросил своих он товарищей,
Бросил набеги творить.
Сам Кудеяр в монастырь пошёл
Богу и людям служить.
Господу Богу помолимся,
Древнюю быль возвестим.
Так в Соловках нам рассказывал,
Сам Кудеяр - Питирим.
[1] Соловки: Ein auf den Solowjezki-Inseln (im Weißen Meer) gelegenes Kloster mit bewegter Geschichte. Ganz kurz als Überblick (da es mir interessant scheint und da ich zufällig die wichtigsten Fakten präsent habe): Gegründet Anfang 15. Jahrhundert von den Mönchen German und Sawwatij. Die Mönche schafften es, die öden nördlichen Inseln in fruchtbares Land zu verwandeln (schufen – um es in zeitgemäßem schnoddrigen Journalistenjargon auszudrücken – ein frühes russisches Finthorn). Mit der Zeit dehnte das Kloster seine Besitztümer auf das Festland aus; und diese Besitztümer unterschieden sich – so weit mir bekannt – von den meisten übrigen Gebieten des damaligen moskowitischen Reiches dadurch, daß es dort keine Leibeigenschaft gab. – In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, in Zusammenhang mit dem „Raskol“, der russischen Kirchenspaltung, wurde das Kloster zu einem Hort der Altgläubigen (die, unter anderem, die Verquickung von Kirche und Staat als eine Äußerung des Antichristen betrachteten). Dies führte zu einer siebenjährigen Belagerung des Klosters durch die moskowitische Staatsmacht (die einerseits die Rechte der unter ihre Fittiche genommenen offiziellen Kirche vertrat und der andererseits, scheint's, auch die wachsende wirtschaftliche Macht und der „Liberalismus“ der Solowkianer nicht ganz geheuer war). Nach der blutigen Einnahme durch die Staatsmacht wurde das Kloster durch die Staatskirche übernommen, und der Staat nutzte dessen festen Mauern als Kerker. – Später, unter der Sowjetmacht, hatte das Kloster dann die Ehre, zum ersten sowjetischen Konzentrationslager ausgebaut zu werden und den Grundstein zum „Archipel Gulag“ zu legen (Näheres siehe Solschenizyn „Archipel Gulag III“ ab 2. Kapitel). – In Russisch siehe http://www.solovki.ca/index.php
[2] Zum unpersönlichen Subjekt im Russischen siehe http://klamurke.com/Sprache/unpersoenliches_Subjekt.htm
[3] Под Киевом, под Москвой: In der Umgebung von Kiev, von Moskau (von hier aus die Bezeichnung «Подмосковье» für das Moskauer Umland). Beim Herkommen oder Hervorgeholtwerden aus solchem Umfeld kommt die zusammengesetzte Präposition «из-под» zur Anwendung. Ein anderes Beispiel mit под und из-под: Кошка спряталась под столом. – Кошка выскочила из-под стола (Die Katze hatte sich unter dem Tisch versteckt; die Katze sprang unter dem Tisch hervor)
[4] Бросить: hinwerfen, wegwerfen; verlassen; aufgeben
[5] Кудеяр-Питирим: Im Russischen gängige Konstruktion zur Bezeichnung von Personen oder Gegenständen, die man unter unterschiedlichen Namen, unterschiedlichen Gesichtspunkten kennt. In normalem Deutsch etwa: Kudejar, der sich auch Pitirim nannte.
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